Es wollte, mein lieber Freund, ein Mensch, er war so um die fünfzig Jahre alt, eine Geschichte haben. Aber er dachte sich: Ich bin doch gar nichts besonders; ich habe auch keine Weltreise unternommen und aus mir ist auch kein bekannter Politiker, Künstler oder gar Wissenschaftler geworden. Eigentlich, so ging es ihm durch den Kopf, lohnt sich eine Geschichte von mir und über mich doch nicht.
Doch da fiel ihm ein, dass er als Kind, als man noch Götterspeise aß und den Pudding noch mit frischer Milch kochte, es einmal selber ausprobieren wollte. Gesagt, getan, die Milch kochte, wuchs und wuchs, schaute über den Topfrand und verbrannte zu einer braunen Kruste auf der Herdplatte. Gott sei Dank kam nach den unzureichenden Reinigungsversuchen die Mutter als rettender Egel in die Küche. Unser Mann lächelte.
Unser Mann lächelte noch mehr, als er sich daran erinnerte, wie er als Lehrling seinem Lehrkollegen, die Schnürbänder zusammengeknotet hatte, als der wie versunken am Schraubstock stand und dann bei der Pause auf die Nase fiel. Er freute sich, als ihm wieder einfiel, dass er, obwohl er wirklich nicht der beste Sportler in der Klasse war, trotzdem die Ehrenurkunde bei den Bundesjugendspielen erkämpft hatte, weil er eben und nur er, so weit werfen konnte.
Er dachte an seine erste Freundin, denn sie war, weiß Gott, die hübscheste und trotzdem war es bald wieder vorbei, aber schön war es doch.
Ihm fiel wieder ein, dass er später mit seiner jetzigen Frau eine großartige Hochzeitsnacht verbracht hatte, obwohl er vom Polterabend noch angeschlagen war. Er stellte für sich fest, dass er ein glücklicher Mensch ist, weil er immer noch diese Frau liebt und wie viele Trennungen hatte es um ihn herum gegeben.
Es kamen Erinnerungen an bestandene Prüfungen, schöne Urlaube, Autoreparaturen auf freier Strecke, verpasste Zugabfahrten, nächtelange Feiern, aber auch an den Tode des guten Freundes und die gern angenommene Hilfe, die er und seine Frau dann geben konnten.
Viele dieser Ereignisse hatte er seinen Kindern erzählt, über manches hatte er im Freundeskreis immer wieder gelacht und einiges behält er lieber für sich. Schön wird es sein, wenn er den Enkeln seine Geschichte, vielleicht nur häppchenweise erzählen wird. Sie werden ihn fragen und sie werden ihm zuhören, denn es ist wirklich viel passiert im Leben des Menschen, der einmal meinte, er hätte gar keine Geschichte.
